Kolumne im Berner Landbote vom 5.4.2018

Sinn-voll warten

 

Kälte, Nässe, Dunkelheit – kommt es mir nur so vor oder haben wir in diesem Winter oft auf Sonnenschein verzichten müssen? Auf verschiedenen Wetterdiensten finde ich meine subjektive Einschätzung bestätigt: Die winterliche Sonnscheindauer sei in der ganzen Schweiz unterdurchschnittlich gewesen. Obwohl ich ein bekennender Winterfan bin, kann ich nasskaltem Märzwetter nichts Positives abgewinnen. Ich warte dann jeweils ungeduldig auf Wärme und Frühling.

 

 

Doch mit Warten tun wir uns in der heutigen Beschleunigungsgesellschaft eher schwer. Zu oft warten wir irgendwo auf irgendetwas und möchten doch schon woanders sein: Wir warten im Stau, auf den Bus, aufs Wochenende, am Postschalter oder bis die Grippe vorbei ist. Es scheint, als sei Warten in unserer Kultur nicht vorgesehen, denn Warten bedeutet, kostbare Lebenszeit unproduktiv zu verschwenden. Dabei kann Warten auch durchaus positive Seiten haben. Das wissen all diejenigen, für die die Fastenzeit mit Ostern zu Ende gegangen ist. Wird Fasten grosszügig interpretiert, kann es auch Verzicht aufs Rauchen, aufs Auto, auf Alkoholkonsum, auf Fleisch, auf Medien oder anderes bedeuten. Auf diese Weise kann Warten, bis man das Verzichtete wieder haben oder machen darf, neue Horizonte eröffnen und Bewusstsein für neue Erfahrungen schaffen.

 

 

Das unfreiwillige Warten in Alltagssituationen, also das «Nicht-gerade-haben-Können», ist in einem gewissen Sinn ein aufgezwungener Miniverzicht. Statt sich zu ärgern, könnte dieses Warten mit Sinn gefüllt und bewusster angegangen werden. So würde Warten nicht mehr per se Verlust, Langeweile oder das Gefühl des Feststeckens bedeuten. Wer es ab und zu schafft, bewusst zu warten, ohne sich mit dem Handy vor den Augen oder Musik in den Ohren abzulenken, wer bewusst seine Sinne offenhält, nimmt auf einmal Dinge wahr, die er vorher nicht bemerkt hat. Und so könnte die Wartezeit am Postschalter als Anlass genommen werden, mit demjenigen vor oder hinter sich zu plaudern. Mit dem Warten aufs Essen im Restaurant liesse sich die Vorfreude auf die gute Mahlzeit steigern. Die Wartezeit auf Bus oder Zug könnte damit überbrückt werden, die Umgebung mit seinen Sinnen wahrzunehmen. Genau das habe ich heute Morgen auf meinem Arbeitsweg in die Stiftung Rüttihubelbad ausprobiert – und wurde positiv überrascht: Die Natur hat sich zart und leise wohl schon länger auf den Frühling vorbereitet, als ich bisher wahrgenommen hatte. Die spriessenden Knospen an vielen Sträuchern, das muntere Vogelgezwitscher oder die Grüppchen von Schneeglöckchen zeugen davon. Nun ist auch bei mir der Frühling definitiv angekommen.